Wer verstehen will, wie weit humanoide Roboter sind, braucht diese Woche einen Taschenrechner und einen Blick in einen Versandkarton. Agility öffnet im Börsenprospekt seine Bücher. Figure reserviert Rechenleistung für die nächste Trainingsstufe. In Südkorea bekommt der Fortschritt eine überschaubare Aufgabe: Polstermaterial einlegen. Forschung, Kapital und tatsächliche Arbeit entwickeln sich in unterschiedlichem Tempo. Die Woche vom 31. August bis 6. September macht diese Abstände sichtbar. Große Ankündigungen bekommen Bedingungen, neue Kundenmeldungen einen konkreten Arbeitsschritt. Die offenen Punkte aus unserer letzten Ausgabe werden greifbarer.
Ein großer Auftrag. Ein noch kleines Geschäft.
Der wichtigste neue Blick auf Digit führt durch ein Börsendokument. Agilitys am 4. September öffentlich eingereichter S-4-Prospekt weist für das Geschäftsjahr 2025 1,782 Millionen Dollar Umsatz und 138,086 Millionen Dollar Nettoverlust aus. Rund 63,5 Prozent des Umsatzes entfielen auf nahestehende Parteien, überwiegend auf Digit-Verkäufe an einen Investor. Das zeigt, wie früh das Geschäft noch ist. Die geplante Fusion mit Churchill Capital Corp XI ist noch nicht vollzogen. Quelle: SEC-Prospekt.
Im selben Dokument steht die große Zukunftszahl: 300 Millionen Dollar zugesagtes Auftragsvolumen von einem Kunden. Dahinter stehen 1.000 Digit v5 in einem dreijährigen Miet- und Servicemodell. Der Vertrag hängt an Meilensteinen und technischen Spezifikationen. Der Sprung ins größere Flottengeschäft setzt also voraus, dass die neue Generation die vereinbarten Eigenschaften liefert. Die erste Freigabe erwartet das Unternehmen spät 2026, die Kommerzialisierung ab 2027. Vertrag und Zeitplan im Prospekt.
Auch eine häufig missverständliche Leistungszahl wird klarer: Für v5 beschreibt Agility ungefähr 20 Betriebsstunden innerhalb von 24 Stunden, einschließlich Schnellladepausen. Wer damit Schichten plant, muss Ladefenster einrechnen. Die Offenlegung zeigt den entscheidenden Abstand: Agility entwickelt eine neue Generation für große vertragliche Zusagen, während das bisherige Geschäft noch wenig Umsatz trägt. Der nächste Fortschritt muss sich deshalb zugleich technisch und kaufmännisch bewähren. Agilitys v5-Annahmen.
Die nächste Roboterwelle beginnt im Rechenzentrum.
Figure hat am 3. September eine mehrjährige Vereinbarung mit Nscale angekündigt. Die anfängliche Verpflichtung für Rechenleistung beträgt 3,5 Milliarden Dollar; beide Seiten beabsichtigen eine Ausweitung auf mehr als sechs Milliarden. Vorgesehen sind bis zu 100.000 NVIDIA-Vera-Rubin-GPUs. Die erste Bereitstellung in Barstow, Texas, wird für die zweite Jahreshälfte 2027 angestrebt. Nscale soll außerdem Figure-Gesellschafter werden. Auf die Datensammlung aus unserer letzten Ausgabe folgt der Plan für ihre Verarbeitung. Figure-Mitteilung · Nscale.
Am selben Tag bestätigte NVIDIA die vereinbarte Übernahme von Hugging Face. Das angekündigte Gesamtvolumen liegt bei rund 12,9 Milliarden Dollar: etwa 11,9 Milliarden für Aktionäre und bis zu einer weiteren Milliarde für ein aktienbasiertes Mitarbeiterbindungsprogramm. Der Abschluss wird im ersten Halbjahr 2027 erwartet und steht unter Bedingungen. Damit bekommt dieser offene Nachrichtenfaden eine offizielle Grundlage. Figures Compute-Vertrag und NVIDIAs Unternehmenskauf betreffen verschiedene Geschäfte; ihre Summen ergeben keinen gemeinsamen Robotik-Investitionstopf. NVIDIA · SEC-Mitteilung.
Für die Robotik-KI ist Hugging Face längst mehr als eine Ablage für Sprachmodelle. LeRobot bündelt dort Software, Modelle und Datensätze, mit denen Entwickler Roboter trainieren. Unsere Einordnung: Wer Rechenchips und eine wichtige Austauschplattform zusammenführt, gewinnt Einfluss auf den Weg vom Experiment zum Produkt. NVIDIA sagt weitere Offenheit und Unterstützung anderer Hardware zu. Eine konkrete Einschränkung von LeRobot wurde nicht angekündigt.
Die Zahl der Woche passt in einen Karton: zwei.
Zwei zweiarmige humanoide Roboter arbeiten laut CJ Logistics im Yangji-Logistikzentrum von OliveYoung im südkoreanischen Yongin. Ihre Aufgabe ist erstaunlich unspektakulär: Sie legen Polstermaterial in Versandkartons. Anschließend packen Menschen die bestellten Waren hinein; die Pakete gehen an echte Kunden. Die Betreibermeldung vom 3. September beschreibt damit einen konkreten Schritt im laufenden Versand. Solche eng umrissenen Industrieeinsätze zeigen, wie einzelne Roboteraufgaben in bestehende Arbeitsabläufe hineinwachsen. CJ Logistics.
Die Hardware kommt von Robotis, die Hände von Aidin Robotics, das KI-Modell von RLWRLD. Auf einen früheren Versuch in Gunpo folgt nun die Arbeit an Kundenpaketen. OliveYoung gehört wie CJ Logistics zur CJ-Gruppe. Taktzeiten und Wirtschaftlichkeit veröffentlicht CJ noch nicht. Spannend wäre deshalb, wie viele Kartons die Roboter zuverlässig schaffen und wie oft Menschen helfen müssen. Daraus ließe sich abschätzen, wie weit dieser Arbeitsschritt skalieren kann. Technik und Ablauf.
Aus Frankreich kommt ein kommerzielles Signal: Wandercraft meldet insgesamt zwölf Unternehmenskunden für Calvin-40. Die Mitteilung vom 4. September beschreibt die Erweiterung vom schweren Materialtransport zu feineren Greif- und Sortieraufgaben, die noch entwickelt und getestet werden. Eine vollständige Kundenliste und installierte Stückzahlen fehlen. Die Meldung verbreitert das Bild über die bereits bekannten Tests bei Renault hinaus. Entscheidend bleiben die Ergebnisse an den einzelnen Arbeitsplätzen. Wandercraft.
Vom Frühstückstisch ins Parlament.
Beim euROBIN-Finalevent im Europäischen Parlament am 2. September wurden 15 KI-gestützte Robotersysteme gezeigt. Vier Roboter räumten laut DLR gemeinsam autonom einen Frühstückstisch ab; weitere Szenarien betrafen Demontage und Paketzustellung. Die Auswahl umfasste mehrere Bauformen. Interessant ist die Zusammenarbeit: In einer gemeinsamen Umgebung müssen Maschinen ihre Wahrnehmung, Bewegungen und Aufgaben aufeinander abstimmen. Europa zeigte damit anschaulich, was seine Forschung kann. Die nächste Hürde liegt im Transfer solcher Fähigkeiten in verlässlich wiederholbare Anwendungen außerhalb einer Demonstration. DLR-Bericht.
Was diese Woche sichtbar wurde
- 15 Systeme
- euROBIN-Finalevent im Europäischen Parlament, 2. September.
- D7 in Europa
- Pudus semi-humanoider Roboter auf Fahrgestell bei der IFA.
- Funk und EMV
- Belegter Prüfbereich des zugänglichen A3-Ultra-Zertifikats vom Juli.
In Berlin wurde aus unserer IFA-Vorschau ein absolvierter Auftritt. Der Veranstalter bestätigt für den 5. September den Roboterlaufsteg mit Tanz, Tai Chi und Saltos sowie David Regers Keynote über Europas Physical-AI-Ökosystem. Pudu meldet außerdem die Europapremiere des D7, eines semi-humanoiden Roboters mit Fahrgestell. Für Besucher wird die Vielfalt greifbar: Zweibeiner teilen die Bühne mit rollenden Systemen. Welche Bauform sich durchsetzt, dürfte vor allem von der täglichen Aufgabe und ihrer Umgebung abhängen. IFA · Pudu.
Beim A3 Ultra wirbt AgiBot zur Messe mit TÜV-Nachweisen. Die zugängliche EU-Baumusterprüfbescheinigung vom 23. Juli hat einen präzisen Umfang: elektromagnetische Verträglichkeit und Funkspektrum nach der Funkanlagenrichtlinie. Eine allgemeine Freigabe für unbeaufsichtigte Zusammenarbeit mit Menschen lässt sich daraus nicht ableiten. Zusätzliche in der Messemitteilung genannte Nachweise sind in den geprüften Dokumenten nicht einzeln enthalten. Für Käufer entscheidet der Prüfbereich darüber, welche Aussage ein Zertifikat für ihren geplanten Einsatz liefert. AgiBot-Mitteilung · Zertifikatsdokumente.
Galbot nimmt Reservierungen an. Unitree verliert weiter.
Ein offener Punkt aus KW35 ist geklärt: Galbot hat am 3. September die Vorbestellung des ET1 geöffnet. Die aktuelle Produktseite nennt 1,25 Meter Körperhöhe und 32 Kilogramm inklusive Akku. Das Gerät zielt auf Unterhaltung, Empfang und Bühnenauftritte. Die Vorbestellung bringt den ET1 damit einen Schritt näher an den Einsatz bei Veranstaltern. Für eine vollständige Kaufentscheidung fehlen weiterhin belastbare Angaben zu Endpreis und Lieferbedingungen. Galbot-News · ET1-Produktseite.
Ein Kurs. Drei Perspektiven.
- −9,35 %
- Gegenüber 585,00 Yuan am 28. August.
- −51,79 %
- Gegenüber 1.100,00 Yuan zur IPO-Eröffnung.
- +251,66 %
- Gegenüber dem Ausgabepreis von 150,80 Yuan.
Das Unternehmen meldete über 200 Reservierungen in den ersten 24 Stunden, davon mehr als 100 über JD. Wie viele Geräte daraus tatsächlich bezahlt und ausgeliefert werden, bleibt offen. In der geprüften JD-Übersicht stand der Preis noch auf „wird bekanntgegeben“. Der Start zeigt erstes Interesse; ein verbindliches Angebot mit Variante, Gesamtpreis und Liefertermin wäre der nächste belastbare Meilenstein. Bericht über Galbots Angaben · JD-Übersicht.
Unitrees Aktie schloss am 4. September bei 530,30 Yuan, 9,35 Prozent unter dem Schlusskurs der Vorwoche. Gegenüber den 1.100 Yuan zur IPO-Eröffnung beträgt das Minus 51,79 Prozent. Gegenüber dem Ausgabepreis von 150,80 Yuan liegt sie weiterhin rund 252 Prozent höher. Die Bezugsgröße verändert das Bild erheblich. Unsere Einordnung: Der Kurs zeigt, wie Anleger Erwartungen neu bepreisen. Ob ein G1 seine Arbeit besser erledigt, muss sich im Einsatz zeigen. Kursübersicht zum Freitagsschluss · Times Weekly.
Auch der Fehlversuch gehört in den Datensatz.
Ein lohnender Nachtrag vom 1. September, der in KW35 noch fehlte: AgiBots Theme 3 enthält 11.430 reale aufgezeichnete Abläufe aus 14 Aufgaben. Dazu gehören erfolgreiche und fehlgeschlagene Versuche sowie menschliche Vorführungen und Korrekturen. Die Aufgaben reichen vom Einstecken eines Netzwerkkabels bis zum Verpacken einer Tischlampe und eines Datenkabels. Forscher können daran untersuchen, an welcher Stelle ein Roboter scheitert und wie ein Mensch den Ablauf wieder auf Kurs bringt. AgiBot-Ankündigung · Aufgabenliste.
Material zum Weiterlernen
- 11.430 Abläufe
- Reale Aufzeichnungen, einschließlich Vorführungen, Korrekturen und Versuchen.
- 14 Aufgaben
- Eng umrissene Manipulationsaufgaben aus unterschiedlichen Situationen.
- CC BY-NC-SA 4.0
- Öffentlich zugängliche Daten mit nichtkommerzieller Lizenz.
Die Daten liegen auf Hugging Face und stehen unter CC BY-NC-SA 4.0, einer Lizenz mit nichtkommerzieller Beschränkung. Das Verzeichnis dokumentiert auch Kraftinformationen und Rückmeldungen zum Erfolg eines Ablaufs. Ein Fehler kann dabei ebenso aufschlussreich sein wie ein sauber ausgeführter Griff. Eine Erfolgsquote für einen späteren Industrieeinsatz lässt sich aus der Auswahl allerdings nicht berechnen. Ob das Training die Roboter robuster macht, müssen anschließende Tests zeigen. Originaldokumentation zu Theme 3.
Beim Unitree G1 gibt es eine Fortschreibung unserer Sicherheitsmeldung: Forscher Olivier Laflamme nennt in seiner Zeitleiste zum 1. September die Firmware 1.5.5.0 als gemeldete Gegenmaßnahme gegen die beschriebene Angriffskette. Er schreibt zugleich, dass er die Behebung noch nicht unabhängig nachgetestet hat. Die Versionsnummer macht den Stand konkreter. Der dokumentierte Nachtest steht noch aus und bleibt entscheidend, um die Wirkung des Updates zu beurteilen. Aktualisierter Originalbericht.
Nächster Halt: Stuttgart
Die IFA läuft noch bis 8. September. Danach folgt der Humanoid Robots Summit Europe vom 9. bis 11. September in Stuttgart: zwei Konferenztage, gefolgt von geplanten Firmenbesuchen. Nach dieser Woche wären vor allem Betriebsergebnisse aufschlussreich: zuverlässig erledigte Aufgaben, nötige Eingriffe und tatsächliche Kosten. Die Infrastruktur für die nächste Roboterwelle nimmt Form an. Ihre Wirtschaftlichkeit entscheidet sich an vielen kleinen Arbeitsschritten, wie dem Polstermaterial in einem Versandkarton.